Gemessen an seiner Mordrate - 130 Tote pro 100.000 Einwohner - ist Caracas in Venezuela heute die gefährlichste Stadt Südamerikas, wenn nicht der ganzen Welt. Der Stadtteil "23 de Enero" ist berühmt-berüchtigt, und ist mit seinen grauen, schmucklosen Hochhaussiedlungen der klassische soziale Brennpunkt. Drogen, Schießereien und Bandenkriminalität gehören hier zum traurigen Alltag. Polizei hingegen gibt es keine. Stattdessen übt eine bewaffnete Miliz Selbstjustiz. Ganz anders das Bild in Medellin. Die einstige Mord- und Drogenmetropole in Kolumbien erlebt eine neue Blüte.
"Wir kämpfen täglich für die Revolution", sagt José Gonzalez. "Wenn nötig, auch mit der Waffe." Stolz trägt er die olivgrüne Uniform der Tupac Amaru. Tupac Amaru, das ist eine linksradikale regierungstreue Miliz. Aufgeteilt in Kollektive kontrolliert sie die Siedlung mit dem Namen "23. Januar". Die Einfahrt ist mit einem großen Gittertor gesichert. Jeder der hier rein will, wird von José Gonzalez und seinen Kameraden kontrolliert.
Die Siedlung "23. Januar" besteht aus gewaltigen grauen Wohnblocks aus den 50er Jahren. Heute ist sie berüchtigt als Hochburg der Drogen- und Bandenkriminalität, als Zentrum der Kriminalität in Caracas. Die Polizei wurde hier schon lange nicht mehr gesichtet. Die Wohnblöcke sind fest im Griff der Miliz. Sie selbst soll in den Drogenhandel verstrickt sein, sorgt mit Selbstjustiz für den vermeintlichen Kampf gegen potenzielle Drogendealer.

Diese Siedlung ist hier kein Einzelfall. Keine Hauptstadt der Welt ist so gefährlich wie Caracas. 130 Morde kamen allein im vergangenen Jahr auf 100.000 Einwohner. Genug um von der renommierten Zeitschrift Foreign Policy zur "Mordhauptstadt der Welt" gekürt zu werden.
In der elfjährigen Amtszeit von Hugo Chavez hat sich die Kriminalität verdreifacht. Zwar wurde der Linkspopulist und selbsternannte Revolutionär auch gewählt, um für Recht und Ordnung im Land zu sorgen und die zunehmende Gewalt zu bekämpfen, doch das Gegenteil ist bisher eher der Fall.
Verantwortlich für die steigende Gewalt und Kriminalität sei auch der Staatspräsident selbst, meint Gewaltforscher Roberto Briceno-Léon. "Die Regierung sagt, die Revolution sei friedlich aber gleichzeitig bewaffnet. Diese Sprache produziert Gewalt vermehrt sie im ganzen Land." Milizen wie die von José Gonzalez ziehen daraus ihre Legitimation.

Ein weiteres großes Problem sind kurze Entführungen, bei denen die Opfer so lange festgehalten werden bis ihre Kreditkarten vollständig geplündert wurden. Die Leute werden oft auf offener Straße überfallen und verschleppt. der chaotische Straßenverkehr der Stadt bietet den Tätern dabei den nötigen Schutz.
Um der Gewalt Herr zu werden wurde das Programm "Caracas segura" ins Leben gerufen. Truppen der Nationalgarde im Kampf gegen die Kriminalität. Hauptmann Barrios erklärt: "Eigentlich werden unsere Männer an jeder Ecke gebraucht." Doch sie müssen sich auf Durchgangsstraßen und strategisch wichtige Stellen konzentrieren. Im Armenviertel Valle Coche wurden trotzdem erste Erfolge erzielt. Ein Erfolg ist es in dem Wirrwarr, wo etwa 400.000 Menschen leben, schon, wenn ein Wochenende ohne Mord verläuft.
Die gewaltigen Probleme der Stadt aber können die Gardisten mit einzelnen Checkpoints kaum besiegen. "Die Banden, illegale Waffen, Mord Drogenkonsum, und dann die vielen Kleindealer", sagt Barrios. "Es sind fast unzählige Einzelpersonen, die hier den Vertrieb von Drogen übernehmen."
Ganz anders ist das Bild in Medellin. Medellin ist die zweitgrößte Stadt Kolumbiens, einem Land, das jahrzehntelang im Bürgerkrieg versank. Medellin war als Stadt der Drogenbarone und Auftragskiller bekannt. Das Drogenkartell von Escobar beherrschte lange die Metropole und später lieferten sich dann linke FARC-Guerillas Bandenkriege mit rechten Paramilitärs.

Ende 2004 lösten sich die Paramilitärs auf, über 30.000 Männer haben in Kolumbien die Waffen nieder gelegt. Mithilfe einer staatlich gestützten Schulausbildung wurde den Demobilisierten die Rückkehr in ein geregeltes Leben ermöglicht. Das Integrationsprojekt der Stadt hat vielen zu einem Neuanfang verholfen. 60 Prozent des Haushaltes investiert Medellin heute in soziale Projekte - mit Erfolg.
Heute ist aus der ehemaligen Drogenhochburg ein Vorzeigeprojekt geworden. Mit Millionenaufwand wurde Medellin modernisiert, heruntergekommene Stadtteile fürs öffentliche Leben zurückerobert. Bildung statt Drogen ist die Devise, die sich schon an die Kleinsten richtet. Medellin ist zum Beispiel die einzige Stadt Kolumbiens mit einem modernen Schnellbahnsystem.
Außerdem hat die Stadt viele Büchereien bauen lassen. So haben die Bewohner einen freien Zugang zu Büchern und zum Internet. Vor allem in den armen Wohngebieten sind die Modernisierungsarbeiten besonders wichtig. ZDF-Korrespondent Carsten Thurau zieht in dem Film einen kritischen Vergleich zwischen der ehemaligen und der neuen "Mordhauptstadt".