Die 26 Jahre alte Verena liebt verlässliche Zeitabläufe und Rituale. Mehr noch: Sie benötigt sie. Ihr Arbeitsalltag als Bürogehilfin ist klar strukturiert. Überhaupt unterliegt ihr Leben einem strengen Regiment: Vormittags arbeiten und an jedem Nachmittag der Woche verschiedene Aktivitäten, immer zur gleichen Zeit und am gleichen Ort. Sie ordnen den Tag und geben Verena Halt und Sicherheit, wie ein unsichtbares Korsett.
Schon im Kindergarten kam Verena nicht alleine klar, sie brauchte eine Assistenz. Jemanden, der ihr die Sprache der anderen Kinder und der Erzieher übersetzte. Auch heute noch könnte die junge Frau ihren Arbeitsalltag nur schwer ohne fremde Hilfe meistern. Ein Assistent strukturiert ihre Aufgaben und hilft bei der Verarbeitung der ständigen Reizüberflutung, der Verena im Alltag ausgesetzt ist.

Das Asperger Syndrom (AS) gilt als eine leichte Form des Autismus. Es ist nach dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger benannt, der 1944 die "autistische Psychopathie" beschrieb.
Zu den größten Problemen für Menschen mit dem Asperger Syndrom gehört das beeinträchtigte soziale Interaktionsverhalten, sie können nur schwer Gefühle wahrnehmen oder ausdrücken. Betroffene sind außerdem oft nicht in der Lage, zwanglose Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen, es fehlt ihnen die Fähigkeit zur nonverbalen Kommunikation. Das Leben von Menschen mit AS ist durch ausgeprägte Routinen bestimmt.

"Schon direkt nach der Geburt habe ich gemerkt, dass irgendwas anders ist bei ihr", erinnert sich die Mutter. Verena war zweieinhalb Jahre alt, als die Ärzte Autismus diagnostizierten. Nach dem Realschulabschluss hat Verena eine Ausbildung zur Bürokaufkraft absolviert. Sie hat das seltene Glück, eine Stelle am ersten Arbeitsmarkt gefunden zu haben und nimmt ihre Aufgabe sehr ernst. Verenas Begabungen liegen im sprachlichen Bereich: Sie beherrscht zu 95 Prozent die deutsche Rechtschreibung und ist auch in der englischen und französischen Sprache sehr gewandt. Nach wie vor lebt die 26-Jährige zuhause bei ihren Eltern.

Nicht nur das Leben der Betroffenen des Asperger Syndroms ist erheblich eingeschränkt, auch die Angehörigen sind einer großen Belastung ausgesetzt. "Wir fühlen uns manchmal wie im Gefängnis", berichten die Eltern von Verena. "Wenn wir mal versuchen, etwas Neues einzuführen, macht Verena sofort wieder ein Ritual daraus." So gehe sie etwa jetzt nicht mehr ständig im Park spazieren, sondern müsse immer einkaufen gehen.
Adäquate soziale Verhaltensweisen müssen Autisten regelrecht trainieren. Einkaufen gehen, sich anstellen, jemanden etwas fragen - all das lernt Verena im Sozialkompetenztraining. Irgendwann einmal soll sie in einer betreuten Wohngemeinschaft leben, speziell für Asperger Autisten konzipiert. Es gibt nur sehr wenige davon in Deutschland. Die Elternselbsthilfegruppe "Autigra e.V." setzt sich dafür ein, dass Betroffene intensiv betreut wohnen und arbeiten können, und das möglichst im sozialen Umfeld. Die Familie von Verena gehört zu den Mitbegründern des Vereins.