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DJ in der damaligen DDR.
DJ in der DDR

20 Jahre Mauerfall

Nachts im Osten

DJs in der DDR

Ein Discjockey war in offiziellem DDR-Deutsch ein "Staatlich geprüfter Schallplattenunterhalter" - und dieser Titel war Programm. Es gab klare Quotenvorgaben, aber wie so oft wurden diese subversiv ignoriert und kreativ umgangen. Westmusik war heiß begehrt, und die "Schallplattenunterhalter" betrieben Kassetten-Mitschnitt-Börsen, wo bis zu 60 Leute gleichzeitig von schwarz importierten West-LPs Kopien fertigten.

 
 
 
 

Auch in der DDR gab es natürlich Diskotheken. Um sich vom Westen abzuheben, mussten jedoch einige Unterschiede gemacht werden. So hieß der DJ dort Schallplattenunterhalter oder Diskomoderator. Eine Besonderheit war die alle zwei Jahre stattfindende Eignungsprüfung, nach der dann die Einstufung in verschiedene Kategorien erfolgte.

 

Westkontakte von Vorteil

So gab es die Kategorien A für Anfänger mit satten fünf Mark Stundenlohn. Aber auch in der Stufe B, C und S (8,50 Mark/Stunde) konnte man mit dem Verdienst keine großen Sprünge machen. In den Einstufungsdiskotheken wurde getestet, ob und wie der Bewerber in der Lage war, sein Publikum zwei Stunden lang niveauvoll zu unterhalten und ob er aktuell richtig auf politische Höhepunkte reagierte.

 

Technik war offiziell in der DDR nur in minderer Qualität vorhanden. Also blieb oft nur der Weg des Selbstbaus von Anlagen, Kabel und Zubehör. Dabei beschritten die DDR-DJs keinen neuen Weg, denn Selbsthilfe war auch in anderen Bereichen angesagt. Lichtanlagen wurden fast immer selbst gebaut. Von Vorteil war es als DDR-DJ, wenn man Westkontakte oder viel Geld hatte. Dann konnte man mit Anlagen auffahren, von der ein durchschnittlicher DJ nur träumen konnte. Denn mit Geld war auch in der DDR fast alles zu haben, zumindest mit D-Mark.

 

60/40-Regelung

Ein besonderes Kapitel waren die vielen Vorschriften und Empfehlungen. Allgemein bekannt war zum Beispiel die 60/40-Regelung: Danach war es die Pflicht eines DDR-DJs, dafür zu sorgen dass 60 Prozent der gesamten Musikfolge eines Auftrittes aus der DDR oder aus dem sozialistischen Ausland kamen.

 
Ehemaliger DJ der ehemaligen DDR kniet vor einem Koffer voll mit Musikkassetten.
"Aufgelegt" wurde mit Tonband oder Kassette.

Die restlichen 40 Prozent waren so genannte nichtsozialistische Titel, die, wenn sie nicht von Platten oder Kaufkassetten kamen, nur in einer im DDR-Rundfunk laufenden Sendung mitgeschnitten werden durften, der "Podiumsdiskothek". Sie lief alle 14 Tage für eine Stunde im "Berliner Rundfunk". Dort wurden internationale Titel zum Mitschnitt und zur Veröffentlichung in Diskotheken gespielt.

 

Strenge Prüfungen

Außerdem gab es in unregelmäßigen Abständen in den Plattenläden Lizenzplatten. Das waren Übernahmen von Veröffentlichungen, zumeist aus der BRD. Es entstand ein regelrechter Sammelwahn dieser Platten, die 16,10 Mark kosteten. Ein DJ bekam mit seiner staatlichen Spielerlaubnis bevorzugt diese begehrten Scheiben. Doch zumeist waren sie innerhalb kurzer Zeit ausverkauft.

Infobox

SPU gleich DJ

In der DDR wurden DJs zur Vermeidung des englischen Begriffes Diskjockey, gesetzlich als "Schallplattenunterhalter" oder kurz als SPU bezeichnet. Jeder zukünftige SPU musste dazu einen Eignungstest bestehen und einen einjährigen speziellen Grundlehrgang mit anschließender staatlicher Prüfung bei dem dafür zuständigen Kreis- bzw. Stadtkabinett für Kulturarbeit durchlaufen. Nur der "staatlich geprüfte Schallplattenunterhalter" durfte Tonträger vor einem größeren Publikum spielen und musste regelmäßig an Weiterbildungsveranstaltungen, sogenannten Monatskonsultationen, teilnehmen. Alle zwei Jahre erfolgte eine Neueinstufung durch die Einstufungskommission.

 

Es gab häufig Kontrollen, um die Einhaltung der 60/40-Regelung zu gewährleisten. Dennoch hielten sich die DJs häufig nicht an diese Vorgabe, da ihnen sonst das Publikum weggelaufen wäre. Einzige Ausnahme: die Eignungsprüfung. Nur dort wurde "richtige" Diskothek zelebriert, wie sie die DDR-Offiziellen hören und sehen wollten. Zuerst wurde ein Eignungsgespräch geführt, dabei wurden die Persönlichkeit, die weltanschauliche Haltung, Allgemeinbildung und die Fähigkeiten zur Kommunikation des Bewerbers eingeschätzt.

 

Lug und Trug

Danach fand ein Eignungstest vor Vertretern der Bezirkskulturakademie, des Bezirkskabinetts für Kulturarbeit und/oder Vertretern der Bezirksarbeitsgemeinschaft Diskotheken und der FDJ statt. Der DJ sollte neben einem Konzept auch die gesamte Musikfolge als Liste vorlegen. Gern gesehen und teilweise verlangt: Spiele, Quizrunden und andere zur Animation anregende Einlagen. Der Alltag sah allerdings ganz anders aus!

 
Alte Musikanlage in einer Discothek der damaligen DDR.
Immer wieder wurde an den Anlagen gefeilt und Verbesserungen vorgenommen.

Ständig strenger werdende Regelungen erschwerten die Auftritte der DJs. So gab es Zeiten, in denen die AWA (Anstalt zur Wahrung der Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte auf dem Gebiet der Musik) verlangte, Titellisten eines jeden Auftrittes anzufertigen (ähnlich der Rundfunkplay-/Lizenzlisten). Diese Listen konnten nur unter großem Zeitaufwand erstellt werden, da die darauf aufgeführten Titel meist nicht im Repertoire des DJs waren und erlogen werden mussten. Somit war auch dieses Kapitel DDR nur Lug und Trug.

Jugendliche in der damaligen DDR in einer Diskothek beim Tanzen.
Diskothek - beliebter Treffpunkt bei Jugendlichen

Der Alltag des DJs in der DDR

Der DJ in der DDR genoss eine umfangreiche Ausbildung. Sprachunterricht, Musik und Musikdramaturgie gehörten ebenso dazu wie Programmgestaltung und der Umgang mit der Technik. Mit Elementarlehrgängen, Weiterbildungsveranstaltungen, Kreisarbeitsgemeinschaften, Diskoklubs und Werkstätten sowie durch die Zentrale Förderklasse Diskothek wurden sie geschult.

 

Gegen Jahresende wurden die Verträge für das kommende Jahr ausgehandelt. Bekanntere Diskotheken hatten eine Art Manager, der diese Aufgaben erfüllte. Die unbekannteren zogen selbst von Club zu Club. Viele Termine für das kommende Jahr wurden auch bei oder nach erfolgreichen Auftritten ausgehandelt.

 

Für die Ausstattung selbst verantwortlich

Die meisten DJs arbeiteten hauptberuflich als Hausmeister oder hatten anderen Alibistellen. Abends vor dem Auftritt wurde das Auto oder der Hänger beladen. Zu damaliger Zeit hatten nur die wenigsten Clubs eine eingebaute Anlage, so musste der DJ seine eigene Anlage auf- und abbauen. Dafür gab es pro 50 Kilogramm pro Kilometer eine Entschädigung. Gut für den, der einen weiten Anfahrtsweg hatte.

 
Eine Disco in der ehemaligen DDR.
Ende der 1970er Jahre wurden in der DDR 6000 Schallplattenunterhalter gezählt.

Die wohl üblichste Form der Diskoveranstaltung, die Jugenddisco, fand meist von 19 Uhr bis 23 Uhr statt. Es gab aber auch eine Kinderdisco am Nachmittag und einige Nachtclubs, in denen bis in den frühen Morgen getanzt werden konnte.

 

Auftrittsorte des DJs

Jugendclubs wurden vor allem in Neubaugebieten als Treffpunkt der Jugendlichen genutzt. In einigen fand fast täglich Disko statt. Als Jugendclub fungierten oft heruntergekommene Schuppen oder abgewrackte Gastwirtschaften. Mit den Diskoveranstaltungen verdiente sich der Wirt eine goldene Nase.